Freiheit oder Notwendigkeit? Kants Lösungsversuch

  • by fabian
  • 24. September 2018
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Wer hat sich das noch nicht gefragt: Folgt die Welt, folgt unser Leben festen Regeln und Gesetzen? So wie eine große Welt-Maschine, in der alles nach Ursache und Wirkung funktioniert? Oder gibt es doch so etwas wie ‚freien Willen‘ und ‚freie Entscheidung‘ – können wir entscheiden, was sein soll? Oder sind all die Gedanken verschwendet, weil die Umstände bestimmen, wer wir sind und werden können?

Das ist der erste Teil einer Reihe über Kausalität und Entscheidung. Wir müssen klären, warum die Frage „Freiheit oder Notwendigkeit“ überhaupt wichtig ist. Außerdem geht es darum, wie Immanuel Kant versucht hat, den Widerspruch aufzulösen.

Warum die Frage wichtig ist

Freiheit oder Naturnotwendigkeit? Eine Antwort auf diese Frage beeinflusst, wie wir uns selbst und die Welt um uns herum verstehen: Wären wir frei, können wir werden, wie wir wollen. Wir können uns aus uns selbst heraus entwickeln. Und wir können es anderen Menschen zutrauen, aus ihren Umständen ausbrechen und das zu tun, was ihnen wirklich wichtig ist. Letztlich könnten wir dann die Welt mit-gestalten. Wenn nicht schon alles feststeht, können wir uns immer neu  fragen, was sein soll – auch gemeinsam.

Zahnräder
Sind wir alle Zahnräder in einer riesigen Maschine?

Wäre die Welt jedoch wie eine Maschine, so wären wir wie Teile, die zusammen nach bestimmten Programmen funktionieren. Dann wäre es sinn-los, ausbrechen zu wollen. Wir wären machtlos, denn wir könnten das Programm nicht ändern. Alles wäre immer schon entschieden, jede gefühlte große ‚Entscheidung‘ nur die Folge aus einem Dickicht von Ursachen. Alles würden sich ereignen wie Regen. Wir gäben sicher nicht den ‚Ausschlag‘ in unserem Leben.

Lösung einer alten Frage?

Auch Immanuel Kant hat sich mit diesen zwei Möglichkeiten beschäftigt. Er veröffentlicht seine Kritik der reinen Vernunft (kurz: KrV) acht Jahre vor der Französchen Revolution. Darin will er herauszufinden, was wir überhaupt sicher wissen können. Dabei stößt er immer wieder auf die alte Frage: Freiheit oder Naturnotwendigkeit? Beide Positionen können nicht gleichzeitig wahr sein. Sicheres Wissen sieht anders aus!

Kant wirft einen Blick in die Geschichte: Mal hat die Freiheit, mal die Naturnotwendigkeit die Debatte gewonnen. Wir kommen also nicht weiter, wenn wir uns entweder auf die eine oder andere Seite schlagen. Um weiterzukommen, sollten wir nicht länger mit unseren Vor-Urteilen den „Kampfplatz“ der Meinungen betreten. Vielmehr, hofft Kant, werden wir mit einer „skeptischen Methode“ des Zuschauens und Prüfens den „Punkt des Mißverständnisses“ finden (KrV, Ausgabe A von 1781, S. 424, Ausgabe B von 1787, S. 451).

Keine Lösung durch Herum-Experimentieren

Wichtig ist dabei: Wir werden die alte Frage nicht mit Hilfe der Erfahrung lösen können. Denn die beiden Ideen, Freiheit und Naturnotwendigkeit, nennt Kant „transzendentale“ Behauptungen. Das lateinische Wort „trans-cendere“ heißt: über etwas hinaus-gehen. Eine „transzendentale“ Behauptung geht über die Erfahrung hinaus, sie übersteigt alles, was wir in der Welt erleben können. Mal anders ausgedrückt: Beide Thesen, Freiheit und Naturnotwendigkeit, sind ziemlich gewagt. Der Konflikt lässt sich nicht durch Experimente klären, sondern muss im Denken selbst gelöst werden. Zumindest würde das Kant sagen. Na, dann los!

neuronales Netz
Geht es nach Kant, wird auch die experimentelle Hirnforschung die Frage nicht entscheiden. by GerryShaw (CC BY-SA 3.0)

Moral in der Welt der Natur?

Wer hat einem Löwen je ernsthaft vorgeworfen, eine Gazelle zu reißen? Darf ein Blitz eine alte Eiche verkohlen? Das sind ‚moralische‘ Fragen. Fragen, ob eine Tat ‚gut‘ oder ‚böse‘ ist. Eine solche Frage ist nur dann sinnvoll, wenn Löwe oder Blitz sich auch anders hätten entscheiden können. Doch in der Welt der Naturdinge sprechen wir selten davon, dass sich jemand anders entscheiden hätte können. Mit den Augen der Naturwissenschaften gesehen, läuft da alles nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung. In der Natur folgt eins aus dem anderen, deswegen sprechen wir auch von Instinkten und Naturgesetzen.

Die Ursache von allem, was in der Natur passiert, muss also in der Natur selbst liegen. Das ist, beiläufig gesagt, eine der Grundannahmen der Naturwissenschaften: Verborgene Ursachen wie Geister oder okkulte Kräfte sind nicht als Erklärung zugelassen. So etwas wie der ‚Wille‘ des Atoms übrigens auch nicht. Wir haben große Mühe, bei Naturdingen an ‚freien Willen‘ oder ‚Entscheidung‘ zu denken: Das Samenkorn hat sich entschieden, aufzugehen? Die Wolke will sich über London abregnen? In der Welt der Natur – Gegenstand der Naturwissenschaften – ist es eher sinnvoll, nach Regeln und Gesetzmäßigkeiten zu suchen. Genau das, was die Naturwissenschaften vorrangig tun.

Moral in der Welt des Menschen?

Und was ist jetzt mit dem Menschen? Mensch und Natur – sind das nicht Gegensätze? In einem früheren Beitrag ging es bereits darum, dass wir Menschen bei „Natur“ auch uns selbst in den Blick nehmen müssen. Für Kant sind wir mindestens auch Naturdinge. Wir sind auch „sinnliche Wesen“, wie er es nennt. Als sinnliche Wesen angeschaut, müsste das gleiche für uns gelten wie für den Löwen oder den Blitz. Moral? Falsche Frage! Doch Kant steht mit beiden Beinen fest im Christentum: Er muss sinnvoll von „moralischem Handeln“ sprechen können, sonst wäre später auch so etwas wie der „Kategorische Imperativ“ Murks.

Oben haben wir gesehen: Moral setzt voraus, dass wir die Möglichkeit haben, frei zwischen Alternativen zu entscheiden. Um jemanden für etwas ‚verantwortlich‘ zu machen, müssen wir stets (mindestens) einen Menschen finden, der sich entscheiden kann – oder anders hätte entscheiden können. (Deswegen ist das politische Argument ‚Alternativlosigkeit‘ so gefährlich: Es will, dass wir niemanden für das Ergebnis verantwortlich machen können.)

Gerne würde Kant also von ‚Moral‘, von ‚Verantwortung‘ und ‚gut und böse‘ reden. Damit Moral möglich ist, kann also nicht alles wie eine große Maschine nach Naturgesetzen ablaufen. Als Voraussetzung für Moral brauchen wir so etwas wie ‚freie Entscheidung‘. Das heißt aber noch lange nicht, dass es so etwas wie ‚freie Entscheidung‘ wirklich gibt. Denn so lässt sich kein Argument aufbauen: Nur weil ich gerne einen Kuchen backen (von ‚Moral‘ sprechen) will, heißt das noch lange nicht, dass das Mehl (freie Entscheidung) dafür schon im Schrank steht. Gut wenn es da ist, aber dafür müssen wir auf anderem Wege sorgen. Mit dem frommen Wunsch nach Kuchen oder Moral kommen wir hier erst einmal nicht weiter.

Kant: … dass etwas sein soll.

Kant versucht einen anderen Weg: Wenn wir so vor uns hinleben, dann riechen, hören, schmecken, fühlen und sehen wir die äußere Welt mit unseren Sinnen. Wie gesagt: Wir sind eben auch sinnliche Wesen. Das ist aber nicht alles: Wir können uns selbst wahrnehmen, haben so etwas wie ein Bewusstsein von unseren Armen, unserem Atem, unserer Angst. In diesen Innenraum geblickt, beschreibt Kant nun zwei Fähigkeiten, die ganz anders sind als Augen oder Ohren: den Verstand, also die Fähigkeit in Begriffen zu denken. Und die Vernunft, die Fähigkeit, theoretische Schlüsse zu ziehen und praktische Prinzipien für das Handeln aufzustellen. Dass es so etwas wie Verstand und Vernunft gibt, erfahren wir, wenn wir „2+2“ rechnen oder uns Prinzipien geben, zum Beispiel vegetarisch zu essen. Dann sind wir nicht mehr nur sinnliche, sondern auch vernünftige Wesen! (Bei Kant heißt das ‚sinnlich-vernünftige‘ der ‚unvollkommen vernünftige‘ Wesen. Wobei beim letzten Ausdruck klar ist, wo der Fokus für Kant liegt.)

Besonders wichtig ist der Teil der Vernunft, den Kant die ‚praktische Vernunft‘ nennt. Sie kann bestimmen, dass etwas sein soll. Ich kann meinem Tun etwa sagen: „Ich will nicht lügen.“ Oder, was vielleicht unproblematischer ist: „Ich will eine Runde um den Block laufen.“ Gäbe es diese Möglichkeit nicht, wären wir eben nur Teil der Natur. Wir könnten nur theoretisch erkennen, was da ist, was war und was sein wird. Denn in der Welt der Natur gibt es nur ‚Sein‘, und kein ‚Sollen:

„[…] ja das Sollen, wenn man bloß den Lauf der Natur vor Augen hat, hat ganz und gar keine Bedeutung. Wir können gar nicht fragen: was in der Natur geschehen soll […].“

KrV, A 547/B, S. 575.

Handeln nach eigenen Prinzien

Wie stellt Kant sich das konkret vor mit dem ‚Sollen‘? Für ihn ist unser Wille von der Natur unabhängig. Wir brauchen keine Ursache außerhalb von uns, können „einen Zustand von selbst“ anfangen, wie Kant das ausdrückt (KrV, A 533/B 561). Wir können also wie alle Dinge der Natur nach Gesetzen handeln – nur mit dem Unterschied, dass wir diese Gesetze selbst aufstellen. Zur Unterscheidung von den Naturgesetzen nennt Kant diese Gesetze „Prinzipien“ des Handelns:

Ein jedes Ding der Natur wirkt nach Gesetzen. Nur ein vernünftiges Wesen hat das Vermögen, nach der Vorstellung der Gesetze, d. i. nach Principien, zu handeln, oder einen Willen. Da zur Ableitung der Handlungen von Gesetzen Vernunft erfordert wird, so ist der Wille nichts anders als praktische Vernunft.

Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie-Ausgabe Bd. 4: S. 412.

Wenn ich also sage: „Es soll ein Artikel über Willensfreiheit auf der denkortreiniger*in sein“ und mich an die Arbeit mache, so ist der Grund davon nichts anderes als die Idee des Artikels, die ich als Ziel meines Handelns gesetzt habe. Es können viele ‚Anreize‘ oder ‚gute Gründe‘ vorliegen, mit dem Schreiben anzufangen. Nur können sie nicht – wie eine Ursachebewirken, dass ich mich an die Arbeit mache. Nach Kant kann das nur meine eigene Vernunft befehlen. Ich entscheide mich also, einen Artikel zu schreiben. Doch was ist eigentlich eine ‚Entscheidung‘?

Das war der erste Teil einer Reihe zu Kausalität und Entscheidung. Dass das Denken in Ursache und Wirkung irgendwie weiter durchscheint, ist kein Zufall. Wir denken gerne auch unser ‚Ich‘ als eine Art ‚Veranstalter‘ der Entscheidung. Was das Problem dabei ist und warum wir damit die ‚freie Entscheidung‘ verfehlen, wird Thema im nächsten Artikel dieser Reihe sein.

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