Aufruf zum Selbst-Denken

  • by denkortreiniger.in
  • 29. April 2018
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Über Philosophie, wie wir sie erfahren

Die Debatte um Wirklichkeit und Möglichkeit der Philosophie im 21. Jahrhundert ist überfällig. Philosophisches Denken an Universitäten läuft Gefahr, seine ureigene Kraft – das Fragen und Gestalten – zu verlernen. Höchste Zeit, dass wir das Streitgespräch von Wolfram Eilenberger und Michael Pauen um unsere Perspektive als Philosophie-Studierende der Cusanus Hochschule bereichern. Der Philosophie-Professor Geert Keil hat in der FAZ seine Profession verteidigt. Wir wollen denkend aus eigener Erfahrung heraus nachvollziehen, was es bedeuten kann zu philosophieren.

Ein Beitrag von Sophie, Carmen und Fabian

Philosophie als fragende und damit öffnende Haltung

Philosophieren heißt, fragend statt antwortend in der Welt zu stehen und ihr zu begegnen: Mit welchen Vor-Urteilen, mit welchen Vor-Entscheidungen sprechen wir über uns und die Dinge der Welt? Welche anderen Möglichkeiten von Wahrnehmung und Denken gibt es – oder hat es gegeben? So erscheint die Fragwürdigkeit von Wirklichkeit in vollem Maße und schafft Räume für schöpferisches Handeln. Diese sokratisch-fragende Haltung hat eine lange Geschichte und ist als Lebensform nicht nur an der Universität zu Hause.

Orientieren statt Fest-Stellen

Erst das Fragen lässt aufscheinen, was dem ersten Blick, dem fest-stellenden Blick entgeht. Diese Haltung schafft uns Orientierung in der Welt: Wir sehen, was wir alles in den Blick nehmen können; wollen der Welt fragend erlauben, sich zu zeigen. Diese Orientierung im Denken und Handeln erschöpft sich nicht in einem Verfügen-Können über dingliche und soziale Prozesse, wie es von den einzelnen Wissenschaften erwartet wird. Wissen meint dort, über die Welt und auch die Menschen allgemeingültige und eindeutige Aussagen treffen zu können.

Philosophie als Persönlichkeitsbildung

In der Philosophie geht es vielmehr darum, sich selbst und anderen Freiheit als Nicht-Festgelegtheit zuzusprechen. So werden polarisierende Aufteilungen der Welt in gut oder böse, in richtig oder falsch unzureichend. Fragend in der Welt zu stehen erweist sich als Mut, Festlegungen immer wieder aufzugeben – als Entscheidung, sich selbst als uneindeutiger, als werdender, da lebendiger, Mensch zu bekennen. Erst so wird Persönlichkeitsbildung möglich. Sie braucht Möglichkeitsräume, um die schöpferische Fähigkeit zu bilden, die eigene Stimme zu suchen, zu finden und zu erheben. Dabei unterscheidet sich die Philosophie von den Wissenschaften, die den Einfluss der eigenen Persönlichkeit auf den Forschungsprozess minimieren wollen.

Ereignen von Erkenntnis

Philosophie hingegen als Persönlichkeitsbildung zu verstehen, heißt: sich selbst und der Welt gestaltend zu begegnen, also kreativ und verantwortet je und je neu anzufangen, ohne die Geschichte aus dem Blick zu verlieren. Eine solche Begegnung lässt etwas erscheinen, weswegen wir keinen beliebigen Neuanfang meinen. In der Offenheit der konkreten Situation zeigt sich eine Notwendigkeit, die wir als Wahrheitserfahrung begreifen. Wahrheit meint hier nicht die Richtigkeit von Aussagen, sondern erfahrbares Sich-Ereignen eigener Erkenntnis. Dieser Erfahrungscharakter bezeugt: Ich kann nicht für andere denken und handeln. Darin spricht die Philosophie jedem*jeder einzelnen zu, dass er*sie selbst denken kann. Sie enthebt sich dadurch des Vorwurfs der Arroganz, denn sie löst Fragen nicht im Elfenbeinturm, sondern macht Mut zur eigenen Auseinandersetzung. Hilfe dafür kann sie aus der Fülle ihrer Geschichte leisten.

Wir fragen uns

Ermutigt die akademische Philosophie zu öffnendem Fragen, eigenem Erkennen und verantwortetem Gestalten? Blicken wir auf die Eilenberger-Pauen-Debatte: Michael Pauen sieht die Philosophie als Wissenschaft, als gute und interdisziplinär anerkannte Wissenschaft. Sie schaffe Neues, so widerspricht er Wolfram Eilenberger, der sie als Selbstbespiegelung, als „Wattiertes Denken“ beschreibt.

Damit kann Pauen nur meinen, dass sie stets weitere Differenzierungen auszubilden weiß und im Sinne einer Spezialisierung immer tiefer gräbt, in engem Austausch mit den Wissenschaften. Ist aber dieser ‚Fortschritt‘ dasselbe wie schöpferisch selbst zu denken?

Ohne Zweifel: Zur Vermehrung des Wissens beitragen – das kann Philosophie auch. Denn sie weiß das Unterscheiden, Differenzieren und Analysieren von Argumenten zu lehren. Nur behaupten wir: Sie darf mehr sein als eine logisch-analysierende Hilfswissenschaft. Denn sie ist nur schöpferisch, wenn sie ihre fragende und Mut-machende Natur nicht verleugnet.

Schöpferisches Selbst-Denken

Eilenberger sieht in den 20er Jahren die Zeit der noch nicht ausgetretenen Wege. Damals gab es sie noch, die mutigen Selbst-Denker mit Strahlkraft. Die heutige Philosophie könne solchen ‚Zauber‘ nicht bieten, weil sie stagniert, schulmäßig und verengt sei. Im Philosophie-Studium an anderen Universitäten konnten wir akademische Philosophie in dieser Stagnation erleben, wo sie sich in der Spezialisierung und Differenzierung verliert und Bewegungen nur noch an den Verästelungen auftreten. Dort kennt und lehrt sie schulmäßig weitestgehend nur noch eine Methode – nämlich die analytische. Als solche hat sie das Beisein ihrer eigenen Biographie und damit den Wert der Pluralität aus dem Blick verloren. So bleibt ihr nur die Reproduktion eines Wissenskerns. Eilenberger hat mit seiner Analyse womöglich einen wunden Punkt der gegenwärtigen akademischen Philosophie getroffen – der uns zum schöpferischen Selbst-Denken auffordert über die Möglichkeit und neu gestellte Notwendigkeit genuinen Philosophierens im 21. Jahrhundert.

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